Das Mysterium der fehlenden Herkunftsangaben
Wer im Supermarkt zu einer Packung Mandeldrink greift, findet auf der Verpackung meist detaillierte Angaben zu Nährwerten, Allergenen und Zusatzstoffen. Doch wenn es um die Herkunft der Hauptzutat geht, herrscht oft Schweigen. Stattdessen liest man Formulierungen wie „aus ausgewählten Mandeln“ oder „hochwertige Rohstoffe“ – Aussagen, die faktisch keinerlei Informationen liefern. Selbst wenn eine Ursprungsangabe vorhanden ist, beschränkt sie sich häufig auf sehr allgemeine Bezeichnungen wie „EU“ oder „Nicht-EU“, die geografisch so weitreichend sind, dass sie praktisch bedeutungslos werden.
Diese Intransparenz ist kein Zufall. Hersteller sind rechtlich nur in bestimmten Fällen zur Angabe der Herkunft verpflichtet – und verarbeitete Produkte wie Mandeldrink fallen meist nicht darunter. Während bei frischem Obst und Gemüse sowie bei Fleisch klare Kennzeichnungspflichten bestehen, können Hersteller bei zusammengesetzten Produkten die Herkunft der Zutaten weitgehend verschleiern. Übrigens darf das Getränk in der EU offiziell nicht als Mandelmilch bezeichnet werden, sondern nur als Mandeldrink, da die Bezeichnung „Milch“ tierischen Erzeugnissen vorbehalten ist.
Kalifornien: Die unsichtbare Mandelquelle Europas
Die Realität hinter vielen Mandeldrinkprodukten überrascht: Rund 80 Prozent der weltweit verarbeiteten Mandeln stammen aus Kalifornien. Der US-Bundesstaat hat sich zum absoluten Zentrum der globalen Mandelproduktion entwickelt, mit riesigen Monokulturen auf über 534.000 Hektar. Diese Konzentration bedeutet, dass auch europäische Mandeldrinkprodukte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf kalifornischen Mandeln basieren – selbst wenn dies auf der Verpackung nirgends erwähnt wird.
Die kalifornische Mandelproduktion steht allerdings massiv in der Kritik. Die intensive Bewirtschaftung dieser riesigen Monokulturen erfolgt in Regionen mit Wasserknappheit, die regelmäßig von extremer Dürre heimgesucht werden. Hinzu kommen Bedenken bezüglich des massiven Pestizideinsatzes und der industriellen Bewirtschaftungsmethoden. Dazu kommt der enorme CO₂-Ausstoß durch die Transportwege über den halben Globus, was die ökologische Bilanz zusätzlich belastet.
Europäische Mandeln: Eine unterschätzte Alternative
Was viele Verbraucher nicht wissen: Mandeln wachsen auch in Europa. Spanien, Italien und Frankreich verfügen über traditionsreiche Mandelanbaugebiete, die qualitativ hochwertige Früchte hervorbringen. Die europäischen Anbaugebiete arbeiten oft mit nachhaltigeren Methoden, kleineren Betriebsgrößen und traditionelleren Bewirtschaftungsformen. Besonders interessant ist die jahrhundertealte Tradition in Italien, wo Mandeldrink vor allem auf Sizilien, in Kalabrien und Apulien als „latte di mandorla“ bekannt ist und bereits im Mittelalter von der iberischen Halbinsel bis nach Ostasien als beliebte Fastenspeise verbreitet war.
Dennoch finden sich europäische Mandeln seltener in industriell hergestellten Mandeldrinks. Für Hersteller, die ihre Produkte möglichst preiswert anbieten wollen, sind kalifornische Mandeln durch die hochindustrialisierte Produktion und die Verfügbarkeit in großen Mengen attraktiv. Allerdings sind auch südeuropäische Plantagen aufgrund des hohen Wasserverbrauchs in Regionen mit Wasserknappheit nicht unbedingt nachhaltig, selbst wenn viele von ihnen als Bio-Betriebe arbeiten. Die Frage der Herkunft bleibt also komplex und lässt sich nicht pauschal beantworten.
Greenwashing durch geschickte Verpackungsgestaltung
Besonders problematisch wird es, wenn Verpackungen durch Bilder und Designelemente bewusste Fehleindrücke erzeugen. Mediterrane Landschaften, blühende Mandelbäume unter südeuropäischer Sonne oder Bezeichnungen, die an italienische oder spanische Traditionen erinnern – all das suggeriert eine regionale Herkunft, die oft nicht der Realität entspricht. Diese Form des Greenwashings nutzt die Sehnsücht der Verbraucher nach regionalen und nachhaltigen Produkten aus, ohne die entsprechenden Versprechen tatsächlich einzulösen.

Auch Formulierungen wie „nach mediterraner Art“ oder „traditionell hergestellt“ sagen nichts über die tatsächliche Herkunft der Mandeln aus. Sie beschreiben lediglich die Verarbeitungsmethode oder das Geschmacksprofil, während die Hauptzutat möglicherweise von einem anderen Kontinent stammt. Mancher Konsument zahlt möglicherweise einen höheren Preis für ein vermeintlich regionales Produkt, das in Wahrheit genauso global produziert wurde wie die günstigere Discounter-Variante.
Was Verbraucher konkret tun können
Trotz der schwierigen Informationslage sind Verbraucher der Intransparenz nicht schutzlos ausgeliefert. Es gibt praktische Strategien, um mehr Klarheit zu gewinnen:
- Direkter Kontakt zum Hersteller: Eine E-Mail oder ein Anruf beim Kundenservice kann konkrete Antworten zur Mandelherkunft liefern. Unternehmen, die nichts zu verbergen haben, antworten in der Regel transparent.
- Bio-Siegel und kleinere Hersteller bevorzugen: Ökologisch zertifizierte Produkte unterliegen strengeren Transparenzanforderungen. Regionale oder mittelständische Produzenten arbeiten häufig mit kürzeren Lieferketten und können genauere Herkunftsangaben machen.
Die Bedeutung echter Transparenz
Die Frage nach der Mandelherkunft ist mehr als eine Nebensächlichkeit. Sie berührt zentrale Aspekte moderner Verbraucherentscheidungen: Nachhaltigkeit, fairer Handel, Ressourcenschonung und Klimaschutz. Wer bewusst zu pflanzlichen Alternativen greift, tut dies oft aus ökologischen Überlegungen. Wenn die Mandeln dafür jedoch in Regionen mit Wasserknappheit angebaut und über den halben Globus transportiert werden, relativiert sich der ökologische Vorteil erheblich.
Mandeldrink hat sich in den letzten Jahren zur zweitbeliebtesten pflanzlichen Milchalternative in Deutschland entwickelt – übertroffen nur von Hafermilch. Diese Beliebtheit zeigt, wie wichtig das Thema für immer mehr Menschen geworden ist. Echte Transparenz würde Verbrauchern ermöglichen, informierte Entscheidungen zu treffen. Sie könnten gezielt Produkte mit europäischen Mandeln wählen, die kürzere Transportwege aufweisen. Oder sie könnten bewusst Hersteller unterstützen, die offen mit ihrer Lieferkette umgehen und sich zu sozialen und ökologischen Standards bekennen.
Politischer Handlungsbedarf
Die derzeitige Rechtslage lässt Herstellern zu viel Spielraum für Intransparenz. Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine Ausweitung der Herkunftskennzeichnungspflicht auf verarbeitete Produkte. Besonders bei Hauptzutaten, die einen erheblichen Anteil am Endprodukt ausmachen – wie Mandeln im Mandeldrink – wäre eine verpflichtende Herkunftsangabe sowohl technisch machbar als auch verbraucherpolitisch sinnvoll. Einige europäische Länder haben bereits strengere nationale Regelungen eingeführt, doch eine einheitliche EU-weite Lösung steht noch aus.
Die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Mandeldrinkprodukt sollte auf vollständigen Informationen basieren können. Solange die Herkunft der Mandeln im Dunkeln bleibt, fehlt Verbrauchern eine wesentliche Grundlage für nachhaltige und ethische Kaufentscheidungen. Wer genauer hinschaut, kritisch nachfragt und Transparenz einfordert, trägt dazu bei, dass sich langfristig auch die Standards in der Lebensmittelindustrie verbessern. Bei Verbraucherzentralen können irreführende Angaben gemeldet werden, was zu Untersuchungen und Verbesserungen führen kann. Der Druck durch bewusstes Kaufverhalten zeigt Wirkung und bringt nach und nach mehr Klarheit in ein System, das lange von Verschleierung geprägt war.
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